Mi 6 Jun 2007
Das gewissenhafte Arbeiten
Geschrieben von Samuel2112 Kohnke unter Alle Artikel
Second Life Kolumne: Die Streifzüge des S. Kohnke
Teil 1: Das gewissenhafte Arbeiten:
Bei meinen Streifzügen durch die Server des Second Life, entdeckte ich Tätigkeiten, die im wahren Leben wohl eher nicht das Prädikat einer ehrlichen Arbeit erhalten würde und für die man erst recht nicht entlohnt werden würde.
Da ich meinen frisch geborenen Avatar einkleiden wollte, versuchte ich einige Wege des virtuellen Broterwerbs zu finden.
In einer Art Disco, in der keine Musik lief, weil mir die Musikrichtung des gewählten Streams einfach nicht gefallen wollte, tanzten voller Ekstase männliche wie weibliche Avatare. Als mein Mauszeiger über das Podest einer Tanzmaus streifte, entdeckte ich, dass sie für zehn Minuten tanzen ganze 3 Lindendollar kassierte. Ich musste einfach ihrem Beispiel folgen. Ich klickte auf ein Podest und mein Avatar tanze sich die Seele aus dem Leib. Auch ich stand gelegentlich auf um ein paar Tanzähnliche Bewegungen vor mich hin zu zuckeln. Geholfen hat es nicht viel. Nach 20 min hatte ich keinen Lindendollar mehr. Woran mag es wohl gelegen haben. Da ich eher auf die Tanzmaus achtete, anstatt mal das Podest angemessen zu begutachten, hätte ich auch schneller bemerkt, dass das Tanzpodest auf „OFF“ geschaltet war. Ich war enttäuscht. Doch nach kurzer Suche fand ich ein Tanzpodest, doch die Konditionen waren ganz andere. Zwei Lindendollar für zehn Minuten tanzen.
Ich nahm die Konditionen in kauf und begann vor mich hin zu sinnieren. Wenn ich in einen Tanztempel pilgere, muss ich meist einen Obolus von zwei bis zehn Euro entrichten. Niemand bezahlt mich für meine Anstrengungen, jedoch funktioniert das Balzverhalten ähnlich erfolgreich. Ich sprach die Tanzmaus an, erhielt jedoch keine Antwort. Mein Avatar nahm auch eine reichlich merkwürdige Haltung an, die an einen bewegungsunfähigen Surfer erinnerte. Da wurde mir schlagartig klar, warum meine Tanzmaus nicht antworten konnte. Sie ging ihrer Arbeit sehr gewissenhaft nach und wollte einfach nicht riskieren, dass ihr Röckchen sich nicht mehr bewegt. Nach vier Lindendollar wurde es mir zu langweilig und ich lernte eine neue Art des Broterwerbs im Second Life kennen. Das Camping.
Hierzu besuchte ich einen anderen Server und erblickte eine Bank mit einer blonden Dame in blauer Gewandung. Sie saß auf einer Sitzbank und gab keinen Ton von sich. Mein Mauszeiger verriet mir, dass sie beim Sitzen zwei Lindendollar für zehnminütiges ausharren auf der Sitzbank verdiente. Da leistete ich Ihr doch Gesellschaft. Ich sprach sie voller Kreativität und Schlagfertigkeit mit einem feschen: „Hallo, wie geht es dir?“ an.
Keine Antwort, aber scheinbar keine Anzeichen der Abwesenheit vom Bildschirm. Ich versuchte etwas zu philosophieren, was im Wortlaut etwa so klang:“ Erinnert mich etwas an Beckett diese Situation. Warten auf Godot. Keiner kommt und so. Hat aber auch etwas sitcomische Züge, auf der Bank zu sitzen, mit jemanden und lustige Fakten auszutauschen, oder?“. Die Antwort war überraschen kurz. „Ja. Und jetzt stör mich nicht“. Wobei ich sie störte war mir ein Rätsel. Beim Sitzen und nichts tun?
Dazu kam mir nur noch ein Gedanke.
In meiner Heimatstadt sitzen in den Parks einige Erwerbslose und gehen ihrem Tagwerk nach, das Bier für die arbeitende Bevölkerung zu vernichten. Ihnen gibt händigt man keine zwei Euro bar auf die Hand aus, für ihre durchaus sinnfreie Tätigkeit. Das Second Life unterscheidet sich wahrhaftig von der realen Welt.
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