Sa 22 Mrz 2008
Politik in Second Life: Zwischen Wunschvorstellung und Wirklichkeit / Ein Käfig voller Narren
Geschrieben von Gaffer Strom unter Alle Artikel
Nach einigen Erlebnissen in der Politikszene schreibt SLI-Reporter Gaffer Strom seinen Abschlussbericht zu den politischen Strukturen in Second Life.
Es ist eine persönliche Analyse von unterschiedlichen Kulturen, Verhaltensweisen, Gruppierungen, sozialen Schichten und der Gesellschaft in SL.
Vor mehreren Wochen hatte ich meine Politikserie mit der Absicht gestartet, politische Strukturen und Organisationsformen in SL zu suchen und zu beschreiben, so es diese überhaupt gibt und sie sich in SL bemerkbar machen. Mein Plan war es gewesen, zunächst mal das deutschsprachige Grid nach Gruppen zu durchforsten, die ein gemeinsames Ziel haben, das man im weitesten Sinn als „politisch“ bezeichnen könnte, d.h. politisch im Sinn von „relevant für die SL-Gesellschaft“. Wobei es mir also weniger um formale Dinge oder um die „hohe Politik“ ging als vielmehr um das, was sich an den „Graswurzeln“ abspielt.
Die zugrunde liegenden Fakten, dass SL quantitativ rasant wächst, dass viele große RL-Firmen und Organisationen das Grid als quasi öffentlichen Raum im Internet begreifen und diesen als Plattform für ihre öffentliche Kommunikation und auch ihre wirtschaftlichen Ziele benutzen, indem sie hier Repräsentanzen eröffnen, daß hier zur Zeit über 50.000 Avatare aller Nationen permanent miteinander umgehen, reden, spielen, diskutieren, sich vergnügen, streiten, bauen, legt zumindest den Gedanken nahe, dass sich hier etwas (nicht nur für Soziologen) sehr Interessantes abspielt, so eine Art Entstehungsprozess von Gesellschaft beobachtet werden kann, nämlich als Ergebnis dieses Miteinander-Umgehens. Der Fachmann nennt es soziale Interaktion. Eine neue Gesellschaft entsteht….
Ethnien, Kulturen, Bevökerungsgruppen
Die Wirklichkeit ist jedoch ganz anders. SL ist bisher noch keine neue Welt geworden, wo die aus dem Real Life überkommenen ethnischen oder kulturelle Unterschiede verwischt oder verschwunden wären, und auch Ansätze für etwas Neues erkennt man nicht.. SL ist keineswegs ein globales Dorf, viel weniger eine neue Welt. Eine eigene SL-Kultur gibt es nicht. Jeder Avi trägt seinen alten individuellen kulturellen Stil mit sich herum. Der westliche Typus dominiert. Der weiße, junge, europäische oder nordamerikanische Typus wird aus irgendwelchen Gründen idealisiert (farbige Avatare treten kaum in Erscheinung, auch Moslems geben sich nicht als solche zu erkennen, andere Ethnien verstecken sich in SL geradezu). Ebenso sieht man kaum ältere Avatare Kaum einer scheint älter als 28 Jahre. Der Verdacht liegt nahe, dass unsere ganz normalmenschlichen und tief verankerten Vorurteile gegen Minderheiten oder „weniger wertvolle Subgruppen“ eben auch in unseren Avis drinsitzen und dafür verantwortlich sind, dass diese sich nicht zu erkennen geben. Die Ideologie der „alten Gesellschaft“ lässt grüßen.
Sprache und Verhaltensstil
Schon wenn man jemanden neu kennenlernt, ist das „Du“ eine Selbstverständlichkeit, die Kommunikation und die Art du Weise des Umgang miteinander ist distanzlos und direkt, oft emotional bis gewagt, oft voller sexuellen Reize und Anspielungen. Die Kontakte zwischen den Avis werden deshalb aber nicht tiefer, Bindungen entstehen zwar schnell, bleiben aber oft eher oberflächlich. Es ist immer wieder überraschend, wie schnell Kontakte entstehen und sich kurz darauf wieder ins Nichts ausflösen. Die Orientierungfrage “Woher kenne ich dich eigentlich, und wie kommst du auf meine Freundesliste?“ wird häufig gestellt.
Gruppierungen von Avataren
Du kannst tanzen bis zum Abwinken, du kannst wirklich überall mitmachen, sei es beim Zwergen-Weitwurf, beim Schneckenrennen, beim Schlammringen oder beim Messerwerfen. Oder wem solche Übungen nicht so liegen, der geht als als Zuschauer zu den zahlreichen Live Musik- Events. Secondlife ist ein einziger großer Vergnügungspark, und manchmal könnte man fast meinen, es ist ein großer Käfig voller Narren. Mit internationaler Besetzung.
Wieder wird sichtbar, daß kein Avatar seinen überkommenen kulturellen Hintergrund an der Garderobe abgegeben kann, es gibt deutlich sichtbare Unterschiede zwischen den Nationen: Deutschsprachige Gruppen sieht man oft im Kultur- Erziehungs- oder oder Schulungsbereich, überall dort, wo man etwas lernen kann und wo man erfährt, wie etwas geht oder funktioniert, wird oft deutsch gesprochen, nicht umsonst ist die deutsche VHS im Secondlife sehr aktiv. Amerikaner und Engländer kümmern sich in ihren Gruppen oft um karitative Themen oder sie diskutieren psychologische Themen oder Fragen des politisch korrekten Verhaltens. Italienenische Avatare mimen bei allen Mädels den Macho, und französische Avatare verhalten sich eben so, wie man es von einem Franzosen erwartet, sie zeigen ihre nonchalante Lebensart und verstehen was von guter Küche und gutem Wein. Was ich damit sagen will: Jede Nationalität bringt ihren überkommenen Stil und ihre alte Lebensart mit, aber es gibt nirgendwo Anzeichen dafür, dass sich in SL ein neuer Verhaltensstil, eine neue Gesellschaft oder eine neue SL-Kultur entwickeln würde. Also wir erkennen keine neuen oder gar besseren Menschen, eine Gesellschafts-Utopie wird am Horizont noch nicht sichtbar.
Soziale Schichten
Soziale Unterschiede gibt es in SL genauso wie im wirlichen Leben. Obwohl Das Geld als soziales Unterschiedsmerkmal wegfällt (du kannst in SL sehr viel Spass haben, ohne Geld auszugeben) sind natürlich die Sprach- und Bildungsbarrieren der des Real Life auch im SL völlig unverändert vorhanden, da braucht man sich keinerlei Illusionen hinzugeben. Also ist es sicherlich nur ein Wunschdenken zu glauben, dass im Secondlife die Voraussetzungen geschaffen wären für eine neue Welt ohne Neid, ohne soziale Schranken, ohne Bildungs-Unterschiede und mit den gleichen Startchancen für alle.
Nationalitäten
Diese spielen in SL praktisch überhaupt keine Rolle mehr, was aber auch nur wieder die reale Welt wiederspiegelt: Die europäischen Nationalstaaaten verlieren im 21. Jahrhundert immer mehr an Bedeutung. Da es im gesamten Secondlife keine Inländer gibt, gibt es auch keine Ausländer. Damit entfallen Vorurteile gegenüber Ausländern. Das ist schon einmal ein sehr positiver Ansatz, den man nicht unterschätzen sollte.
Gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Organisationsformen
Damit komme ich zum Ausgangsthema zurück. Welche Formen der politischen oder gesellschaftlichen Organisation sind im Secondlife erkennbar? Wie wird sich diese 12-Millionen-Bevölkerung einmal organisieren? Oder bleibt es bei einem Käfig voller Narren, die nichts anderes zu tun haben, als jeder für sich und allein 24 Stunden am Tag abzutanzen?
Eine klare Antwort kann hier noch nicht gegeben werden. Wir haben ja in SL zwar mit dem Linden Dollar eine gemeinsame Währung, aber bisher noch keine Wirtschaft im bekannten Sinne. Unsere Avatare arbeiten in der Mehrheit nicht, sie erzeugen keine wirtschaftlichen Werte in nennenswertem Umfang (mit Ausnahmen im kleinen privaten Umfeld, wo man sich durchaus hilft und unterstützt z.B. beim Hausbau). Von echten Märkten zu sprechen, wäre jedoch Schönfärberei.
Unsere Avatare haben auch kein gesellschaftliches Leben, das über den kleinen privaten Bereich hinausgehen würde. Verbindliche Verhaltensregeln gibt es nicht. Man kann sich als Avi danebenbenehmen, soviel man will, eigentlich ohne nennenswerte Konsequenzen.
Ja, unsere Avis haben echte Freunde, und manchmal wachsen diese Beziehungen auch zu Freundeskreisen heran, also zu kleinen Gruppen mit gleichen Ansichten und Wertvorstel-lungen. Trotzdem entstehen daraus keine sozialen Bindungen oder Verpflichtungen, die unser Verhalten im SL oder gar im RL in nennenswerter Weise beeinflussen würden. Im Grunde bleibt SL ein Spiel und eine Nebenwelt, die man mit einem Knopfdruck an seinem Laptop zu- oder wegschalten kann. Das ist so. Bis jetzt wenigstens.
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